https://archive.is/fhDnbQuote
Es war 18 Uhr und schon dunkel, als aus dem Nichts diese weiße Frau vor uns stand. Es ist nicht ganz klar, ob sie joggte oder auf uns zurannte. Auf dem verwaisten, großzügigen Weg zwischen den kahlen Bäumen liefen wir alle drei außen rechts – wie es sich für die Alman Straßenverkehrsordnung gehört.
White Woman kam auf uns frontal zu und grüßte uns ungebeten mit einem „Ihr dreckigen Araber“. Meine Begleiter*innen und ich waren: sprachlos. Ich selbst habe einfach nicht damit gerechnet, wollte etwas sagen, blieb aber lediglich erschrocken und wie versteinert stehen. Dabei machte die weiße Frau munter weiter.
Sie nannte uns auf Englisch mehrmals „fucking bitches“ und „fucking faggots“ und servierte uns damit innerhalb weniger Sekunden die hässliche, rassistische, sexistische und queerfeindliche Fratze dieser Gesellschaft. Sie rannte dann weg und ich rief ihr (nicht so laut) nach: Racist Shit! Mehr war nicht drin. Sie drehte sich daraufhin um und spuckte auf den Boden, dann verschwand White Woman hinter dem Gebüsch.
Und jetzt? Einige Tage später? Ich ärgere mich noch immer. Vor allem über mich selbst. Ich mache hier in meiner Kolumne auf sassy und schlagfertig (das Ding heißt Nafrichten!). Auf Instagram und Twitter labere ich andauernd von Empowerment und erkläre, wie Betroffene auf Menschenfeindlichkeit reagieren können. Ich werde bezahlt, um Bücher zum Thema zu schreiben. Und dann, im entscheidenden Augenblick, kommt mir nichts über die Lippen. Schwache Leistung, Mohamed!
Es kann sein, dass meine Zurückhaltung am Setting gelegen hat. Dunkler Park mit flackernder Beleuchtung, wie der erste Akt aus einem Fall bei „Aktenzeichen XY“. Ich vertraue in diesen Situationen rassistischen weißen Frauen nicht. Sie sind zu allem fähig. Es kann auch sein, dass wir uns spontan mit Deeskalation nicht in Gefahr bringen wollten, dass manchmal die beste Verteidigung das Einigeln ist.
Es ist am Ende so: Auch ich bin oft überfordert, wenn sich Rassismus, Sexismus oder Queerfeindlichkeit vor meinen Augen zeigen. Klar, auf sozialen Medien bin ich darauf vorbereitet, dass jemand etwas menschenfeindliches sagt oder macht.
Jemand sagt oder macht immer etwas menschenfeindliches. Aber so habe ich nicht damit gerechnet. Wie naiv von mir, die Spontaneität Deutschlands und White Women wieder mal unterschätzt zu haben.
Wer kennt das nicht? Weiße Frauen die im Dunkeln hinter einem auftauchen, einen verfolgen, so lange bis man endlich schweißgebadet seine sichere Wohnung erreicht hat.
Ich persönliche werde oft, eigentlich immer, von Frauen verfolgt und gecatcalled ! Und nein, egal wie ich mich kleide, es ist nicht ok! #NichtEgal #MeToo
This post was edited by Fluechtlingshelferin on Jan 9 2021 05:34am