Identitätspolitik heute: Kollaboration mit dem NeoliberalismusQuote
Seit den 1990er-Jahren ist damit ein Feld eröffnet, auf dem es keine festen Maßstäbe mehr zu geben scheint und auf dem nahezu beliebig neue Identitäten konstruiert und in Stellung gebracht werden können. Das führt inzwischen zu immer absurderen Konstellationen: „Arbeiterinnen fühlen sich vom bürgerlichen und Feministinnen des globalen Südens vom westlichen Feminismus ausgeschlossen, lesbische Frauen lehnen den Feminismus der heterosexuellen Frauen als exkludierend ab, und Trans-Frauen fühlen sich von Cis-Frauen ausgegrenzt.“
Das Spaltungspotential solcher Identitätspolitik und die Möglichkeiten, Unzufriedenheit und Feindseligkeit zu erzeugen, sind schier unendlich. Jeder kann gegen jeden ausgespielt und in Stellung gebracht werden, es herrschen Neid und Eifersucht im Kampf um den „privilegiertesten“ Opferstatus. Denn eine (vermeintliche oder tatsächliche) Diskriminierungserfahrung ist heute eine nahezu sichere Eintrittskarte zu Geltung und Macht über andere. Das daraus entstandene Klima von Verdächtigung und inquisitorischer Intoleranz ist mittlerweile auch im gegenwärtigen liberalen Diskurs nicht unumstritten. Die liberale Kritik trifft dabei jedoch selten den Kern, ist es doch letzten Endes der jetzt unter Konformitätsdruck stehende Liberalismus selbst gewesen, der diesen Auswüchsen Tür und Tor geöffnet hat. Für diesen Konflikt kann es nur von rechter Seite authentische und von ideologischen Widersprüchen freie Erklärungs- und Lösungsansätze geben.
In dem Maße, wie die sogenannten Achtundsechziger und ihre Epigonen nicht mehr gegen das Establishment kämpften, sondern selbst zum neuen Establishment wurden, gingen die „Kinder von Marx und Coca-Cola“ (Jean-Luc Godard) eine (vermutlich nicht immer bewusste) Komplizenschaft mit dem neoliberalen und globalen Kapitalismus ein und machten sich sämtliche von Marx aufgelisteten kulturellen Begleiterscheinungen des Kapitalismus zum Steckenpferd. In Anlehnung an die marxistische Rhetorik spricht Norbert Borrmann auch von „kapitalistischer Basis und linkem, politisch korrektem Überbau.“ Was auf den ersten Blick widersprüchlich anmutet, erschließt sich, wenn man bedenkt, dass sowohl Marxismus als auch Kapitalismus einen universalistischen Charakter haben: Partikulare, organisch gewachsene ethnokulturelle Kontinuitäten, traditionelle, nicht freiwillig eingegangene Bindungen des Einzelnen an Volk, Kultur, Familie und Religion werden aus marxistischer Perspektive als repressiv und aus kapitalistischer Perspektive als ökonomisches Hindernis bei der Kommodifizierung aller gesellschaftlichen Bereiche betrachtet. Für diese Allianz aus „Finanzkapitalismus und Emanzipation“ (Nancy Fraser) gilt es, jede Einschränkung und Begrenzung des Individuums zu sprengen.
Identitätspolitik ist also auch aus der Sicht des Neoliberalismus ein hervorragendes Werkzeug, um relativ homogene Gesellschaften, die noch etwas stärker in Traditionen verwurzelt sind, aufzubrechen und verwertbar zu machen. Es ist daher wenig verwunderlich, wenn ein globaler Konzern wie Nike mit einer Gruppe von Fußballerinnen wirbt, die alle selbstbewusst Kopftücher tragen, kombiniert mit der Botschaft „Don‘t change who you are. Change the world“. Die unterschwellige Botschaft: Setze deine (partikulare) Identität gegen die Mehrheitsgesellschaft durch!
https://originem.info/identitaetspolitik/This post was edited by Fluechtlingshelferin on Oct 7 2020 06:45am