Torchlight
Ein Spiel im Stil von Diablo, erschaffen von einem Team, dessen Mitarbeiter teilweise schon an Diablo und Diablo 2 gearbeitet haben? Klingt zu gut, um wahr zu sein, ist es aber. Torchlight ist das neue Action-RPG von Runic Games. Es werden wieder Dungeons erforscht, Monster umgehauen, Gegenstände aufgesammelt und Quests absolviert. Und zum Schluss wird bestimmt die Welt vor einem noch unbekannten Bösen gerettet.
Um ein Debakel wie bei Hellgate: London zu vermeiden ist das Spiel bewusst klein gehalten. Nur drei Charakterklassen, keine Rendersequenzen, kein Multiplayer, kein Battle.net. Aber eben auch keine hochtrabenden Pläne, die dann doch nur halbfertig abgeliefert werden können. Entsprechend ist das Spiel in der Budget-Ecke angesiedelt und wird zu einem Preis von etwa 20€ verkauft.
Das komplett in Englisch gehaltene Spiel hat in Deutschland noch keine USK-Einstufung erhalten und ist daher im Handel nicht erhältlich. Es lässt sich derzeit ausschliesslich online beziehen. Eine Kauf-Version auf DVD ist für Januar angekündigt.
Torchlight ist für Windows verfügbar, eine Version für Mac OS soll nächstes Jahr erscheinen. Linux-User schauen derzeit in die Röhre, unter Wine scheitert das Spiel an der Zwangsaktivierung.
Der erste Eindruck
Doch bevor wir in die Welt von Torchlight eintauchen können, gibt es die erste Ernüchterung: bei manchen Spielern startet das Spiel nicht oder lässt sich nicht in der gewünschten Auflösung spielen, die Foren sind voll von Beschwerden. Auch ein hektisch nachgeschobener Patch 1.1 konnte nicht alle Probleme beheben. Aber einen von Blizzard-Produkten abgehärteten Spieler kann sowas ja nicht abschrecken, oder?
Wenn das Spiel endlich startet, fällt zuerst die Grafik auf. Torchlight ist komplett in 3D, unterstützt hohe Auflösungen und stimmungsvolle Lichteffekte. Die Perspektive ist Diablo-typisch von schräg oben und lässt sich abgesehen von einem leichten Zoom nicht ändern. Auffällig ist auch der Grafik-stil: sehr comic-haft, sehr farbenfroh. Im direkten Vergleich wirkt Diablo III düster.
Ein bisschen Diablo
Nachdem wir eine der drei Charakterklassen ausgewählt haben, führt uns ein Sprecher in die Welt von Torchlight ein. Kurz darauf stehen wir in dem gleichnamigen Dorf, das genretypisch kräftig unterkellert ist. Es werden Helden gebraucht, die in diese Keller hinabsteigen und alles umhauen. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen!
Zuerst besuchen wir die örtliche Mine. Die Ebenen sind grösstenteils zufallsgeneriert, bis auf speziell angelegte Arenen für Bosskämpfe, die einen alle paar Ebenen erwarten. Nachdem wir die Mine leergeräumt haben, stossen wir tiefer vor, in unerforschte Höhlen und später... aber wir wollen nicht zu viel verraten. In jedem Abschnitt erwarten uns neue Grafiken und Monster.
Das bekannte Diablo-Gefühl kommt schnell auf, man merkt, wer an diesem Spiel mitgearbeitet hat. Nach und nach säubern wir die zufallsgenerierten Ebenen, verteilen erste Status- und Skillpunkte, lösen die ersten Quests und merken gar nicht, wie die Zeit vergeht. Wie bei Diablo eben.
Ein bisschen Torchlight
Bei der Charaktererstellung wählen wir nicht nur unsere Klasse, sondern auch unseren Tiergefährten: einen Hund oder eine Katze, die allerdings eher wie Wolf und Raubkatze aussehen - und auch so kämpfen. Den Fernkämpfern kommt solch ein Blocker sehr gelegen. Unseren Tiergefährten dürfen wir mit Ringen und Amulett ausrüsten und wir können ihn temporär verwandeln, indem wir ihn mit Fischen füttern. Zum Beispiel verwandelt ihn ein Feuerfisch für zwei Minuten in einen Feuerelementar.
Der Tiergefährte hat ein eigenes Inventar und kann auf Befehl Gegenstände aufsammeln und sogar in die Stadt zurückrennen und sein Inventar an den Händler verkaufen - das erspart uns Laufwege. Nicht erspart bleibt uns jedoch das Inventar-Management, um vorher alle überflüssigen Gegenstände auf den Tiergefährten zu laden und alle wichtigen auf den Charakter.
Bei den Gegenständen ist vieles beim Alten geblieben. Es gibt magische Gegenstände in verschiedenen Abstufungen, es gibt Uniques und Set-Gegenstände, es gibt Sockel und Edelsteine um sie zu füllen. Die Farbzuordnungen entsprechen eher World of Warcraft als Diablo, so sind z.B. Set-Gegenstände lila. Neu sind ausrüstbare Schulterpolster, alle anderen Inventar-Slots entsprechen denen aus Diablo 2.
Zusätzlich zum Level-Up durch Erfahrungspunkte gibt es ein Berühmtheits-System: durch das Erledigen von Quests und das Töten von Boss-Gegnern erlangt man Berühmtheitspunkte, mit denen man im Berühmtheitslevel aufsteigt. Während reguläre Level-Ups wie gewohnt Status- und Skillpunkte geben, erlangen wir durch die Berühmtheitslevel nur Skillpunkte.
Bewährte Konzepte sind ansonsten sowohl aus Diablo als auch aus anderen Spielen übernommen worden: es gibt Identifikations-Rollen, Stadtportale, verschiedenste Händler, Glücksspiel, Schreine, ein Verzaubern-System ähnlich Charsi oder Hellgate: London, Horadrim-Rezepte in Form eines NPCs, zwei Waffenslots, eine Truhe für zusätzliche Gegenstände und eine zweite Truhe, die zwischen allen Charakteren geteilt wird. In den Dungeons gibt es diverse Arten von Truhen zu plündern, versteckte Räume zu erforschen sowie alle paar Ebenen einen Wegpunkt.
Die Charaktere
Die drei Charakterklassen sind:
* Destroyer: der klassische Nahkämpfer mit einigen defensiven Zaubern.
* Vanquisher: ein Fernkämpfer mit Bogen oder Schusswaffe und einigen Wurffallen.
* Alchemist: die Magier-Klasse mit Offensiv-Zaubern und frei beschwörbaren Minions.
Jeder Klasse kann 15 aktive und 15 passive Fertigkeiten erlernen, aufgeteilt auf drei Fertigkeitsbäume. Die passiven Fertigkeiten sind für alle Charakterklassen identisch und geben zum Beispiel Schadensboni auf bestimmte Waffengattungen, stärkere Minions oder Zauber oder sogar bessere Drops und niedrigere Händlerpreise. Hier darf alles gesteigert werden, was in das Charakterkonzept passt.
Die aktiven Fertigkeiten sind grösstenteils interessant, erreichen aber nicht die Vielfältigkeit von Diablo 2. Mangels Monster-Immunitäten werden viele Spieler mit einer einzigen Angriffsfertigkeit auskommen. Das ist gut für den Gelegenheitsspieler, kann für Diablo-Veteranen aber langweilig werden.
Des weiteren gibt es verschiedene allgemeine Fertigkeiten, die - ähnlich Diablo 1 - durch aufgesammelte Schriftrollen erlernt werden können. Darunter finden wir Heil- und Verteidigunszauber, Beschwörungen, den ein oder anderen Offensiv-Spruch und das erlernbare Identifizieren, der portable Deckard Cain. Es können vier dieser Zaubersprüche gleichzeitig erlernt werden.
Wir entschieden uns für "Heal All" um bei den Tränken knausrig sein zu dürfen, "Haste" um für einige Sekunden schneller zu rennen, "Summon Zombies" für drei kurzlebige Blocker bei Bedarf und natürlich "Identify", um nicht ständig auf Identifikations-Rollen angewiesen zu sein.
Die Quests
Wir folgen vier unabhängigen Quest-Strängen, von denen drei zufallsgeneriert sind. Ein Alchemist möchte, dass wir tief in der Mine versteckte Gegenstände finden. Ein drolliger Roboter-Barde bittet uns, Bosse zu bekämpfen, um von unseren Heldentaten singen zu können. Ein sonst eher unscheinbarer Dorfbewohner öffnet Portale zu Zusatzebenen, aus denen wir wertvolle Artefakte befreien sollen.
Interessanter ist die Hauptgeschichte, in der wir lernen, was für Geheimnisse sich in den Minen verbergen und die immer neue Fragen aufwirft, die uns noch weiter in die Minen hinab führen. Nach 10 bis 20 Spielstunden dürfen wir uns in der tiefsten Ebene einen spektakulären Showdown mit dem großen Bösen persönlich liefern.
Und dann?
Das Spiel versucht, auch nach der Storyline noch Anreiz zu bieten. In der örtlichen Krypta öffnet sich ein neuer, zufallsgenerierter Dungeon, in dem bis zum maximalen Charakterlevel von 100 weitergespielt werden kann. Weitere zufallsgenerierte Questreihen bieten Abwechslung. Leider haben wir versehentlich einen Questgegenstand verkauft und können eine der Questreihen nun nicht mehr weiterführen.
Und wenn der Charakter langweilig wird, dann kann man ihn in Rente schicken: der Charakter wird eingemottet, ein ausgewählter Gegenstand aus seinem Besitz kann an den nächsten Charakter als Erbstück weitergereicht werden - als Belohnung wird der Gegenstand verstärkt.
Des weiteren wird der von den Entwicklern verwendete Level-Editor zum Download angeboten. Damit ist es möglich, neue Mods und Erweiterungen zu erstellen, zum Beispiel neue Gegner, Gegenstände, Level, Fertigkeiten oder gar neue Charakterklassen. Einige Mods sind bereits im Internet zu finden, unter anderem auch eine (unvollständige) deutsche Übersetzung.
Fazit
Torchlight kombiniert moderne stimmungsvolle Grafik und frische Ideen mit einem altbewährten Konzept. Es erreicht nicht die Spieltiefe von Diablo 2, will es aber auch gar nicht. Das bekannte Diablo-Gefühl kommt trotzdem auf - Torchlight hat alles, was in einem Diablo-Spiel wirklich wichtig ist.
Ein echter Mangel ist das Fehlen eines Mehrspielermodus. Ein Grossteil der Langzeitmotivation bei Diablo 2 entsteht durch das Battle.net, das miteinander Spielen und Handeln. Runic Games hat bereits ein MMORPG im Torchlight-Universum angekündigt, welches da Abhilfe schaffen kann.
Es bleibt ein solider Singleplayer-Titel, der jeden Genre-Freund zwar nicht für Jahre, aber zumindest für Tage oder Wochen vor den Bildschirm fesseln wird - mehr darf man von einem Budget-Spiel aber auch nicht erwarten. Sobald ein Patch die anfänglichen Bugs behebt kann der Kauf emfohlen werden.